Kapitel 45

647 108 97
                                    

Die Fahrt war ziemlich still verlaufen. Bei mir lag das an meiner unbändigen Nervosität. Es war schon schlimm genug gewesen, mit dem heutigen Tag würde das Starren nie wieder aufhören. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde ich auch noch von wer weiß wie vielen Leuten angequatscht.

Gerade als wir auf den Schulparkplatz einbogen, fragte Adam: "Was ist los, Selena?" Seine besorgte Stimme schaffte es, dass ich ehrlich antwortete: "Sobald ich aus dem Wagen steige, werden sie mich alle anstarren, weil ich ausgerechnet aus deinem Auto aussteige. Das wird sich den ganzen Tag lang so abspielen. Ich hasse so viel Aufmerksamkeit, da fühle ich mich unwohl. Entschuldige, dass ich dann gestresst bin." Ich starrte aus dem Seitenfenster, weil ich es nicht wagte ihn anzusehen. Vielleicht beleidigte ihn das, was ich kein bisschen wollte. Nur hasste ich all die Beachtung und darauf lief es hinaus.

Es dauerte einen Moment, bis er sagte: "Es ist sicher bei weitem nicht so schlimm wie du denkst." Das klang so als würde ich übertreiben, dabei hatte ich Recht. Es entsprach sogar persönlicher Erfahrung aus den letzten Tagen.

Nun wandte ich mich doch ihm zu und er schien das ernsthaft zu glauben. Wenn er nicht einparken würde, hätte ich ihn einmal durch geschüttelt, um ihn in die Realität zu holen.

Da ich mich missverstanden fühlte, antwortete ich aufgebracht: "Oh doch. Die Leute gaffen ständig, in dem Fall wird das ausarten. Das ist mir viel zu viel Aufmerksamkeit."

Der Wagen kam zum Stillstand und Adam stellte ihn ab. Er drehte sich mir zu und meinte: "Nein, das werden sie nicht." Ich hob eine Augenbraue und deutete mit dem Daumen zur Tür. "Dir wird gleich das Gegenteil bewiesen. Dir fällt es vermutlich sonst nie auf, weil es dir allgemein bekannt ist. Mir nicht, weil ich gerne abseits stehe und in Frieden existieren will."

"Fühlst du dich besser, wenn ich dich daran erinnere, dass ich an deiner Seite sein werde?" Ich legte den Kopf schräg, denn das war kein gutes Argument. "Das ist begrenzt, immerhin sind wir in unterschiedlichen Jahrgängen."

"Lass uns aussteigen, dann siehst du, dass alles halb so schlimm ist." Seinen Optimismus hätte ich gerne, der fehlte bei mir gänzlich. Um es ihm endlich zu beweisen, nickte ich und drehte mich der Autotür zu. Ich öffnete sie und durfte feststellen, dass mein Bruder bereits neben uns parkte. Ich schloss die Autotür und machte mich gleich auf den Weg hinter den Wagen. Zane sollte nicht unnötig lange warten müssen. Er tat mir schon einen großen Gefallen, wenn er meine Schultasche mitnahm. Für diese Woche sogar zum zweiten Mal.

Mein Bruder öffnete gerade den Kofferraum und quatschte mit Jasper, der neben ihm stand. "Guten Morgen, Jungs." Ich warf dir nassen Klamotten in den Kofferraum, nahm meine Schultasche in die Hand und merkte an: "Ein großes Danke, Zane."

"Gerne, auch wenn du echt nervig sein kannst." Mein Blick landete genervt auf ihm und er hielt ein Lachen zurück. Selbstverständlich musste er mich ärgern.

Adam kam nun zu uns und grüßte die beiden. Mein Bruder hatte währenddessen begutachtet, was ich in seinen Kofferraum geworfen hatte. Bevor er ein Drama erschaffen konnte, erklärte ich: "Du hast immer eine verdammte Plane im Kofferraum. Die nassen Sachen richten absolut keinen Schaden an."

Sein Auto sollte unter keinen Umständen dreckig werden. Das war der Grund, warum sein Kofferraum stets mit etwas abgedeckt war. Diesem Wahnsinn war er verfallen, als er einmal unserem Dad eine Pflanze kaufte. Sie kippte um und die Erde wurde im Kofferraum verteilt. Von dem Trauma hatte er sich nie gänzlich erholt.

Zane blieb skeptisch, was mich zu einem Seufzen brachte. Er übertrieb maßlos. Um ihm entgegen zu kommen, fragte ich: "Soll ich es auf eine der Fußmatten legen? Bist du dann beruhigt?" Zane schloss den Kofferraum, womit er mir die Antwort gab. Er hatte erkannt wie sinnlos ein Drama wäre.

Das wird dir gefallen

          

"Selena!"

Leise murmelte ich: "Oh, verflucht." Ich verabschiedete mich nicht mal von den Jungs und eilte in die Richtung aus der die Stimme meiner besten Freundin gekommen war. Sie kam mir entgegen und knapp bevor wir einander erreicht hatten, sagte ich: "Es tut mir so leid. Ich habe mein Handy in Zanes Auto vergessen. Ich wollte echt nicht, dass du dir Sorgen machst." Zumindest teilte mir ihr Gesichtsausdruck mit, dass dem der Fall war. Und man konnte es ihr schlecht verübeln. Spätestens wenn ich schlafen ging, meldete ich mich normalerweise. Das hätte mir gerne früher einfallen können.

Das Thema vertiefte sie nicht mal, denn sie musterte mich von unten bis oben. Bevor Liz überhaupt fragen konnte, erklärte ich: "Das ist eine lange Geschichte."

Luke tauchte hinter ihr auf und erzählte: "Ich durfte gestern ewig lang mit ihr telefonieren, weil sie sich Sorgen machte." Das schlechte Gewissen meldete sich, aber Liz tat es mit einer Handbewegung ab. "Solange es dir gut geht, ist alles ok." Sie hakte sich bei mir unter und zog mich mit sich. Ich wollte einen neuen Versuch für eine Entschuldigung starten, nur sagte sie: "Jetzt erzähl. Was habe ich verpasst? Wer hat dich davon abgelenkt mir zu schreiben?"

"Liz, ich habe ernsthaft mein Handy im Auto vergessen. Später bin ich einfach eingeschlafen." Das war die wohl kürzeste Version, die ich ihr hatte geben können. Mir war vorab klar, dass ihr das zu wenig war. Allerdings konnte ich sie für mehr auf nachher vertrösten. Zumindest war das mein aktueller Plan. Sie stieß mir ihren Ellbogen in die Seite und meinte: "Ich brauche mehr Infos. Und warum du Herrenklamotten trägst würde ich auch gerne wissen."

"Ich erzähle dir alles später." Sie fälschte ein Weinen, womit sie mich zu Null Prozent beeinflusste.

Luke hatte mit uns aufgeschlossen und hatte natürlich etwas zu sagen: "Ich würde es auch gerne wissen, dann wird meine Theorie erneut bestätigt, dass jemand den Bro Code ignoriert."

Liz und ich schenkten ihm keine weitere Beachtung. Seine sogenannte Theorie konnte er gerne mit sich selbst besprechen. Uns musste er da nicht mitreinziehen.

Meine beste Freundin gab so schnell nicht auf, denn sie fragte: "Wieso jetzt das Herren Outfit? Ich wage es zu bezweifeln, dass du zu Hause geschlafen hast." Damit sie still blieb, erhielt sie eine weitere Kurzfassung. "Ich bin in den See gefallen. Adam war so freundlich mir von sich etwas zum Anziehen zu geben. Eigentlich wollte ich mich nur aufwärmen, aber ich bin eingeschlafen."

Die Schule hatten wir erreicht und Luke hielt sich an unsere Tradition, in dem er uns die Tür aufhielt, wofür wir ihm dankten.

Danach meinte Liz: "Das klingt nach dir. Es ist allgemein nicht das erste Mal, dass du in einen See fällst." Luke lachte längst, nur meine beste Freundin behielt den Fokus. Sie setzte das Verhör fort: "Bist du mit ihm zur Schule gefahren? Falls ja, sollten wir es bedenklich finden, warum dich niemand wie einen Alien angafft."

Das hatte ich in der Hektik ganz vergessen. Ich schaute mich um, aber wir hatten wirklich unsere Ruhe. Adam hatte Recht behalten. Da musste etwas faul sein. Das war alles andere als normal.

Der Geistesblitz traf mich in der nächsten Sekunde.

Adam musste praktisch über den Mindlink etwas gesagt haben. Alles andere würde keinen Sinn ergeben. Die Menschen bekamen davon zwar nichts mit, aber die Werwölfe, dürften ihnen das irgendwie verständlich machen.

Später sollte ich bei Adam nachhaken.

Da dachte ich an ihn, plötzlich hörte ich seine Stimme hinter mir: "Liz und Luke, ihr habt Selena den ganzen Tag. Darf ich sie euch für ein paar Minuten stehlen?" Mein bester Freund antwortete ohne zu zögern: "Solange sie das will, dann ja."

UndesirableWo Geschichten leben. Entdecke jetzt