Kapitel 37

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Erleichtert, mich endlich in absehbarer Zeit unter meiner Bettdecke verkriechen zu können, trat ich aus Herrn Kopenaus Büro. Ich hatte keine Lust, noch länger eine gelassene Fassade vortäuschen zu müssen, deswegen huschte ich schleunigst zum Treppenhaus.

Wie es allerdings immer war, wenn man partout keiner Person begegnen wollte, lief man genau dann einem Bekannten über den Weg.

„April!", rief ein junger Mann erfreut hinter mir. „Mensch, wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen. Warte mal!"

Mit einer Hand auf der Türklinke des Treppenhauses blieb ich stehen. Ich unterdrückte den Impuls, meinen Kopf gegen das Holz zu schlagen und drehte mich zu Florian um. „Florian! Was machst du hier oben?" Ich brachte ein wahrscheinlich arg verzerrtes Lächeln zustanden.

Florians schwarze Locken standen kess von seinem Kopf ab, sein breites Lächeln war blendend wie immer. „Ich komme vom Hexarium." Vage deutete er in Richtung der riesigen Übungshalle, in der auch meine Tante regelmäßig trainierte. „Auch wenn man bereits ein überragender Magier 1. Klasse ist, sollte man sich ab und zu die Zeit nehmen, seine telekinetischen Kräfte weiter zu verbessern."

Bei seinem vergnügten Anblick durchfuhr mich ein Stich hässlichen Neids. Warum musste ich in letzter Zeit ständig deprimiert durchs Leben laufen, während andere offenbar gar nicht wussten, wohin mit ihrer Freude?

„Natürlich", antwortete ich reichlich spät auf seine Aussage. „Nur wer übt, wird einmal ein Meister sein."

Florian winkte mit großer Geste ab. „Genau genommen bin ich bereits ein Meister. Es fehlen lediglich noch einige Feinheiten."

Etwas stupste mich an der Schulter. Unauffällig wedelte ich Thomas beiseite.

„Ein paar Feinheiten", echote ich mit hochgezogenen Augenbrauen. Das Selbstbewusstsein dieses Jungen war einfach unglaublich. „Florian, ich fürchte, wir haben ein Problem."

Schlagartig erlosch sein Lächeln. „Das dachte ich mir schon, so bedrückt wie du aussiehst."

„Ich sehe nicht bedrückt aus", wehrte ich hastig ab. Erst Herr Kopenau, jetzt Florian. Sah man es mir denn so deutlich an, dass ich mich mit meinem Freund gestritten hatte?! „Ich wollte eigentlich darauf hinweisen, dass wir unmöglich durch dieses Treppenhaus gehen können, solange wir dein monströses Ego im Schlepptau haben. Für uns drei ist das Treppenhaus einfach nicht groß genug."

Das Stupsen an meiner Schulter wurde stärker. Ich stieß einen Ellenbogen zur Seite, um meinen störenden ersten Geist zu vertreiben. Ich hatte gerade keine Zeit für ihn.

Florians überbreites Lächeln kehrte zurück. Seine blauen Augen erstrahlten. „Das lass ruhig meine Sorge sein. Mein Ego ist sehr anpassungsfähig." Mit einer eleganten Verbeugung wischte er meine Hand von der Türklinke und zog die Tür für mich auf. „Nach Ihnen, Madam."

Kopfschüttelnd drehte ich mich um, wobei ich ruckartig stehen blieb. Meine Sporttasche schwebte auf der Höhe meiner Nase vor mir. Der Riemen hing schlaff über meine Schulter. Thomas geisterte ein paar Meter weiter durch den Flur.

Er hatte mir die Stupser gar nicht versetzt. Das war meine telekinetisch fortbewegte Sporttasche gewesen.

Ich warf Florian einen bösen Blick zu, während ich sie aus der Luft fischte und sicher vor Telekineseangriffen an meine Brust drückte. „Ich habe verstanden, was du mir sagen willst. Du bist bereits ein Meister der Telekinese, denn du kannst Sporttaschen schweben lassen. Herzlichen Glückwunsch zu dieser Leistung." Ich schob mich an ihm vorbei. „Es befindet sich nicht einmal ein Medizinball in dieser Tasche. Jedem Frischmagier 1. Klasse wäre es gelungen, sie zum Schweben zu bringen."

          

Florian lachte schwungvoll, während er mir die Treppe hinunter folgte. „Gib's zu. Du versuchst meine gelungene Leistung niederzumachen, um dich meinem glorreichen Wesen zu erwehren. Das musst du dir von Sophia abgeschaut haben."

„Sicher", antwortete ich gedehnt. „Tatsächlich bin ich dir schon längst verfallen, versuche diese Schwäche aber mit schnippischen Antworten zu überspielen."

Wir traten aus dem Treppenhaus in die Eingangshalle der Liga. „Oh, April." Florian legte mir einen Arm um die Schultern. „Sei nicht traurig. Mit dieser Empfindung befindest du dich in bester Gesellschaft. Ich denke nicht, dass es in Rostock irgendeinen Ausnahmefall gibt." Er stockte. „Na ja, Kathie natürlich."

Ich runzelte meine Stirn. „Und Sophia."

„Hm?" Der abgelenkte Unterton in seiner Stimme ließ mich ihm einen forschenden Blick zuwerfen. Ein seltsam nachdenklicher Ausdruck stand auf seinem Gesicht. „Oh, Sophia", meinte er hastig, als er meinen Blick bemerkte. „Unsinn. Sophia ist wie du. Sie liebt mich, will es nur nicht wahrhaben."

„Natürlich. Möglicherweise ist es eher eine andere Person, die hier etwas nicht wahrhaben will?" Ich schüttelte Florians Arm ab und durchquerte die Eingangshalle. Bevor ich den Türknauf des imposanten Eingangstors berühren konnte, sprang Florian an mir vorbei.

„Mylady." Er zog einen der Türflügel auf. „Nach Ihnen."

Ich sparte mir eine Antwort. Mit einem ausdrucksstarken Schnauben trat ich an ihm vorbei in die abendliche Dunkelheit. Kälte schlug uns entgegen. Hastig zog ich meinen Schal höher den Hals hinauf, bevor ich meine kalten Finger in den Jackentaschen vergrub. Florian zauberte eine blaue Mütze hervor, die er sich über die Ohren stülpte.

„Bist du mit deinem Auto hier oder musst du auch zur Bushaltestelle?", erkundigte ich mich.

„Bushaltestelle. Ich brauche kein motorisiertes Accessoire zu meinem eindrucksvollen Charakter. Die Damen fliegen auf mich, auch ohne dass ich ein BMW 8er Coupé fahre." Florian rückte seine Mütze zurecht, woraufhin einige vorwitzige Strähnen unter dem Rand hervorlugten. „Wobei ich dich selbstverständlich auch dann zur Bushaltestelle begleitet hätte, wenn ich mit einem Auto gekommen wäre. Im Dunkeln lässt man eine Dame nicht allein durch gefährliches Stadtgebiet marschieren."

„Ich glaube nicht, dass wir uns im Moment in gefährlichem Stadtgebiet befinden." Gegen meinen Willen von Florians sprühendem Elan amüsiert, sah ich mich nach Thomas um. Er trödelte unauffällig hinter uns her, wobei er die Pflastersteine auf unserem Weg betrachtete, als wenn von ihnen Gefahr drohen könnte. Seine Silhouette glänzte in der Dunkelheit des Abends wie ein auf die Erde gefallener Sternenrest.

„April?" Florian blieb plötzlich stehen.

„Was?!" In der Annahme, er hätte tatsächlich ein auf uns zujagendes Geschoss bemerkt, schob ich mich unwillkürlich hinter ihn.

Perplex schaute er über die Schulter auf mich herab. „Was tust du da?"

„Ähm... Ich... Wolltest du mich nicht auf etwas Gefährliches aufmerksam machen?" Angespannt spähte ich um ihn herum.

Mit einem besorgten „Was ist los?" schwebte Thomas näher.

„Nein, wollte ich nicht", antwortete Florian langsam. „Ich wollte dich etwas fragen, aber wenn ich gewusst hätte, dass die einfache Nennung deines Namens dich dazu bringt, dich an mich zu schmiegen, hätte ich diese Karte schon viel früher gezogen."

„Florian!" Verlegen von meiner übertriebenen Reaktion schlug ihm gegen die Schulter. „Lass diese Anspielungen."

„Oh, keine Sorge. Selbstverständlich hätte ich dich vor dem Bösen beschützt, wenn es denn da gewesen wäre."

„Sehr witzig."

Es war dieser Moment, in dem mir auffiel, wie dicht wir beieinander standen. Florians Zähne blitzten wegen seines Grinsens im Licht der Straßenlaterne. Seine blauen Augen lagen im Schatten seines Mützensaums verborgen. Wenn ich mich nur ein paar Zentimeter vorbeugen würde, würden unsere Lippen aufeinander treffen.

Eine winzige Sekunde lang riss mich die Vorstellung mit sich. Mit Florian wäre es niemals schwierig. Wir hätten an jedem Tag neuen Spaß. Ernste Zwischentöne wären aus allen Gesprächen verbannt. Er würde mich zum Lachen, nicht zum Weinen bringen.

Es war verlockend. Eine Beziehung mit Florian würde keine ständige Arbeit bedeuten. Ich würde nicht bei jedem Treffen befürchten müssen, er könnte gedrückte Stimmung mitbringen.

Wahrscheinlich wäre es aber auch nicht mehr als Spaß. Ich konnte mich mir selbst nicht in einem ernsten Gespräch mit ihm vorstellen. Wenn ich ein Problem haben sollte, würde er mich im Handumdrehen dazu bringen können, wieder besserer Laune zu sein.

Er würde mir aber nicht dabei helfen, dieses Problem zu lösen, weil er es nicht verstehen würde.

Nicht so, wie Jonathan es tat.

„Was ist los mit dir?" Florians Grinsen war verschwunden. „Ich bemühe mich hier seit einer geschlagenen Viertelstunde, dir ein Lächeln zu entringen, scheitere aber gnadenlos. An mir kann es nicht liegen. Mein Charme zieht immer."

Ich trat einen Schritt zurück. „Zweifle nicht an dir. Ich bin heute nicht die beste Gesellschaft."

Die nahe Straßenlaterne malte unstete Muster aus Licht und Schatten auf sein Gesicht. „Jonathan, hm?"

Ich blinzelte angestrengt. Über den plötzlichen Kloß in meiner Kehle brachte ich kein Wort heraus.

Er hob eine Augenbraue. „Der Gedanke an seinen Partner sollte einen nicht dazu bringen, auszusehen, als wenn man am liebsten in Tränen ausbräche. Was ist los bei euch?"

„Du kennst doch Jonathans Vergangenheit", murmelte ich mit gesenktem Kopf. „Dann weißt du auch, wo die Probleme liegen."

Er schob seine Hände in die Jackentaschen. „Weder du noch Jonathan habt den großen Brand miterlebt oder die Ursachen, die dazu führten. Es sollte euch nicht berühren."

„Aber die Anschuldigungen der anderen Ligamitglieder tun es. Die dadurch ständig wach gerufenen Erinnerungen." Blind starrte ich in die uns umgebende Dunkelheit, die nur von dem einen oder anderen Autoscheinwerfer zerrissen wurde. „Jonathan wird nicht gerne an seinen Vater erinnert. Auch nicht an dessen Magie."

„Also ist es ein Problem für ihn, dass du eine Geisterbeschwörerin bist?"

„Darauf läuft es im Ergebnis hinaus." Ich war überrascht, dass mir das erst jetzt klar wurde. „Ja. Wäre ich eine Magierin 1. Klasse, wäre er wahrscheinlich in der Lage mir zu vertrauen. Er hätte keinen Grund, mich auf Abstand zu halten. Aber solange ich mich mit Geistern der Vergangenheit herumschlage..."

„... kann auch er die Vergangenheit nicht ruhen lassen", beendete Florian meinen Satz.

Eine kalte Windböe wirbelte meine Haare auf. „Ich verstehe, warum dein Stochastikprofessor dich mag. Du hast eine schnelle Auffassungsgabe." Ich seufzte. „Er soll sie ja nicht vergessen. Er soll sie nur akzeptieren. Wenn er sich nicht endlich mit den damaligen Geschehnissen arrangiert, hat er keine Chance auf eine selbstbestimmte Zukunft."

Eine Weile schwiegen wir beide. Schließlich nickte Florian. „Rede mit ihm. Sag ihm, was dein Problem ist und woher es deiner Meinung nach stammt. Zieh dich nicht zurück. Probleme sollte man immer ansprechen und nicht aus irgendeiner Furcht heraus verschweigen." Er zog seine Hände aus den Taschen. „Dort kommt mein Bus. Kann ich dich allein lassen?"

Ich brachte ein echtes Lächeln zustande. „Ich bin nicht allein. Ich habe meinen ersten Geist."


Spuk ums FeuerWo Geschichten leben. Entdecke jetzt