KAPITEL 1

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Das Büro von Maria Hastings, Leiterin der einer Einheit von ORION Operatives, einer hoch spezialisierten, internationalen Organisation, die sich auf verdeckte Operationen zur Lokalisierung, Rettung und Sicherung gefährdeter Personen sowie auf die Aufklärung damit verbundener Bedrohungen konzentrierte, war ein Ort der Effizienz und Kontrolle. Der Raum war nüchtern eingerichtet. Ein moderner Glastisch, einige Bücherregale mit handverlesenen Fachbüchern und eine digitale Übersichtstafel, die den Status ihrer Einsätze in Echtzeit zeigte. Maria Hastings selbst saß mit geradem Rücken hinter ihrem Schreibtisch, die Hände auf die polierte Oberfläche gefaltet.

Sie leitete Division Theta, die sich auf Wiederfinden entführter oder vermisster Personen, Aufspüren untergetauchter Ziele spezialisierte.

Ihr Blick war starr auf den Mann gerichtet, der ihr gegenüberstand.

Agent Desmont Hawk war vor wenigen Minuten hereingerufen worden, direkt aus einer stillgelegten Operation. Noch trug er die Spuren einer langen Nacht – leichte Schatten unter den Augen, ein angespannter Gesichtsausdruck, der nichts an seiner kühlen Professionalität änderte.

„Setz dich, Desmont", begann Maria, ihre Stimme ruhig, aber fest.

Er schüttelte den Kopf. „Ich höre lieber im Stehen zu. Was ist los?" Seine Stimme war ebenso nüchtern, aber seine braunen Augen glitzerten vor Konzentration. Er wusste, dass Maria ihn nur zu einer Sache aus dem Einsatz holte: wenn es wirklich dringend war.

Maria lehnte sich leicht zurück und aktivierte die Konsole auf ihrem Schreibtisch. Ein Hologramm erschien über der Oberfläche, das ein Bild einer jungen Frau zeigte – Kathleen Ascot. Ein offizielles Foto aus Tagen, als sie noch eine Polizistin war, vielleicht während einer Auszeichnung oder eines offiziellen Einsatzes. Ihre Augen strahlten damals Zuversicht, aber Desmont erkannte den Schatten von jemandem, der bereits mehr gesehen hatte, als sie sollte.

„Das ist Kathleen Ascot", begann Maria. „Vierundzwanzig Jahre alt, ehemalige Polizistin in Palm Springs. Sie hat ihre Karriere vor etwa einem Jahr abrupt beendet, nachdem sie ..." Sie hielt inne, als suchte sie die richtigen Worte, „... nachdem sie bei einem missglückten Einsatz ihren Bruder erschossen hat."

Desmonts Stirn runzelte sich, doch er sagte nichts.

Maria fuhr fort. „Es war ein Unfall. Ihr Bruder, ein junger Mann namens Ethan Ascot, war auf einer Party und geriet in eine Schießerei mit einer lokalen Gang. Kathleen war an diesem Abend im Einsatz und wurde gerufen, um die Situation zu sichern. Es war dunkel, chaotisch. Ethan lief in ihre Schusslinie, eine Sekunde zu spät, denn hinter ihm hatte einer der Täter gestanden und auf Kathleen mit einer Waffe gezielt, geschossen. Sie hat zurückgeschossen und ..." Ihre Stimme wurde leiser. „... ihren Bruder getroffen."

Desmont atmete tief durch und nickte knapp. „Das erklärt den Abbruch ihrer Karriere. Aber warum rufen Sie mich deswegen her?"

Maria aktivierte ein weiteres Bild. Diesmal war es eine Überwachungskameraaufnahme aus einer Klinik. Kathleen, schlafend oder bewusstlos, wurde auf eine Trage gelegt, während mehrere Personen in klinischer Kleidung sie aus einem Hintereingang schoben.

„Sie war seitdem in einer psychosomatischen Klinik, um ihr Trauma zu verarbeiten. Die Schuldgefühle, die Albträume – sie haben sie völlig aus der Bahn geworfen. Ihre Familie berichtet, dass sie nicht mehr sie selbst war, und darum ihre Polizeikarriere abbrechen musste. Und gestern Abend wurde sie entführt."

Desmonts Gesicht blieb unbewegt, doch seine Augen verengten sich leicht. „Wer steckt dahinter?"

„Wir wissen es noch nicht genau", sagte Maria. „Aber was wir wissen, ist, dass Kathleen Ascot etwas weiß, das sie für bestimmte Leute wertvoll macht – oder gefährlich. Sie war vor ihrem Vorfall Teil eines Teams, das an einem Fall mit nationaler Bedeutung arbeitete. Es ging um organisiertes Verbrechen, Geldwäsche und Korruption, möglicherweise mit Verbindungen zu hochrangigen Regierungsbeamten. Ihr Team hatte eine Spur, die bis zu einer verdeckten Operation führte, die irgendwann unter den Teppich gekehrt wurde. Wir glauben, dass Kathleen entweder Zugang zu Informationen hat, die sie sich nicht einmal selbst bewusst ist, oder dass jemand glaubt, dass sie Zugang hat."

„Und du willst, dass ich sie finde." Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

Maria nickte. „Es geht nicht nur darum, sie zu retten, Desmont. Sie ist ein Schlüsselfaktor. Wenn sie in die falschen Hände gerät, könnte das uns alle gefährden. Die Leute, die hinter dieser Entführung stecken, sind wahrscheinlich bereit, alles zu tun, um an diese Informationen zu gelangen. Selbst wenn sie sie brechen müssen."

Desmonts Gesicht verhärtete sich. „Haben wir eine Spur?"

„Nur eine. Die Klinik konnte uns nichts sagen, die Entführer waren gut organisiert. Keine verwertbaren Spuren, keine Kameraaufnahmen außer dieser einen, und selbst die ist unklar. Aber wir haben einen Hinweis erhalten – ein informeller Kontakt in Los Angeles hat berichtet, dass jemand mit einem ähnlichen Profil wie Kathleen in einer nicht registrierten medizinischen Einrichtung festgehalten wird. Es ist schwach, aber es ist ein Anfang."

Desmont verschränkte die Arme vor der Brust und musterte Maria. „Warum ich? Du hast andere Agenten, die genauso gut – oder besser – qualifiziert sind."

Maria hielt seinem Blick stand. „Weil ich dir vertraue, Desmont. Und weil du mehr als nur einen Auftrag in dieser Mission siehst. Kathleen Ascot ist keine gewöhnliche Zielperson. Sie hat gekämpft, sie hat verloren, und sie versucht, wieder aufzustehen. Du weißt, wie das ist."

Desmont spürte einen Stich in der Brust. Maria spielte nicht oft auf seine Vergangenheit an, aber wenn sie es tat, dann wusste er, dass sie ihn überzeugte. Er nickte langsam.

„Gut", sagte er schließlich. „Ich finde sie."

Maria lehnte sich nach vorne und sah ihm in die Augen. „Sei vorsichtig, Desmont. Das hier ist größer, als es aussieht. Und ich bin mir nicht sicher, wem wir noch trauen können."

Desmonts Miene verdunkelte sich. „Verstanden. Wo starte ich?"

Maria reichte ihm eine verschlüsselte Datei. „Hier, in Los Angeles. Du wirst von einem Analysten informiert, der dir zusätzliche Daten bereitstellt. Ab da an bist du allein. Dein Weg wird dich zu der medizinischen Einrichtung bringen."

Er nahm die Akte entgegen und verließ das Büro, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Sein Kopf war bereits bei der Mission – und bei der Frau, die irgendwo da draußen auf Rettung wartete.

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