Den folgenden Abend verbrachte ich alleine zu Hause. Chloe hatte sich zur Nachhilfe mit einem der jüngeren Campbewohner verabredet - "Ich weiß echt gar nicht, was du gegen Chemie auszusetzen hast, Megan" - und Zack verbrachte den Abend zusammen mit seinen beiden Mitbewohnern Chris und Jeremy und deren Freunden. Zwar hatte Zack mir angeboten, mich ihnen anzuschließen und die abendlichen Stunden an Stelle einsam und alleine in meinem Zimmer zusammen mit ihnen in irgendeinem mir fremden Ferienhaus zu verbringen, aber ich hatte dankend abgelehnt. Auch wenn ich normalerweise solche Einladungen selten ausschlug, heute Abend verspürte ich das dringende Bedürfnis einmal für mich alleine zu sein.
Besonders nach dem Gespräch zwischen Penelope und Dominique, das ich mitbekommen hatte und deren Worte nach wie vor unaufhörlich in meinem Kopf vor sich hin pochten. Wie lästige Kopfschmerzen, die mit einem mal plötzlich und ohne jegliche Vorwarnung aufkamen und die man erst durch mehrere Schmerztabletten und ein Blech von Mums selbst gebackenen Schokoladenkeksen wieder los werden konnte. Jap, Mums selbst kreierte Schokoladenkekse waren genau das, was ich an diesem Abend brauchte. Und da es nicht das erste Mal war, dass ich besagtes Gebäck aus dem Kopf heraus nach buk, dauerte es auch nicht sonderlich lange, bis sich der Geruch von geschmolzener Schokolade und jeder Menge Zucker und Fett im Wohnzimmer bis hinauf in den ersten Stock breit machte. Trotz meinen anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Herd, weswegen die erste Ladung verbrannt war und der Tatsache, dass die Küche nun aussah wie ein Schlachtfeld, wo soeben eine Horde Orks eingefallen war.
Mit einem leisen Seufzer schob ich das letzte, fertig bestückte Blech in den Ofen hinein und drückte anschließend die Klappe zu. Mit dem Handrücken wischte ich mir den feinen Mehlstaub von den Wangen, der sich dort angesammelt hatte, dann begann ich die mit Schüsseln und Zutaten vollgestellte Arbeitsfläche frei zu räumen, schnappte ich mir den quietschgelben Putzlappen aus der Spüle und wischte sämtliche Mehl- und Butterflecken, die ich verursacht hatte, fort.
Chloe würde sich freuen, wenn sie nach Hause kommen würde. Ihre Schwäche für Süßigkeiten war schließlich kein großes Geheimnis für mich. Mit einem zufriedenen Lächeln strich ich mir einige zottelige Haarsträhnen hinter die Ohren, die sich aus meinem unordentlichen Dutt gelöst hatten und hängte anschließend die Schürze an einem Haken direkt neben den Pfannen und Backhandschuhen auf, die jemand in Reih und Glied an der gegenüberliegenden Wand befestigt hatte. Ein Blick auf die von mir gestellte Küchenuhr verriet mir, dass es noch ein wenig dauern würde, bis die letzte Fuhre Kekse fertig gebacken sein würde, weswegen ich mich gemächlichen Schrittes auf den Weg nach oben in mein Zimmer machte, ein Handtuch und einen frischen Schlafanzug aus meinem Kleiderschrank heraus schnappte und anschließend im Badezimmer verschwand.
Ich schlüpfte aus meiner vom Tag verschwitzten Kleidung, schaltete das Wasser an ließ dieses in einer angenehmen, lauwarmen Temperatur über meine Haut strömen, die, dank der nahezu ständig scheinende kalifornische Sonne, in den vergangen Wochen einen schönen dunklen Bronzeton angenommen hatte. Eine Farbe, die hoffentlich die nun folgenden Wintermonate überdauern würde.
Während ich mir leise vor mich hinsummend den Schweiß des heutigen Trainings vom Körper und aus den Haaren wusch, huschten meine Gedanken unvermeidlich zurück zu dem Gespräch, das ich zuvor, verborgen hinter den großen Blättern des Strauches, unbemerkt mitverfolgt hatte.
Ich war nicht mehr lange geblieben, nachdem Penelope das mit ihrer Familie erwähnt hatte, da sie danach auffallend schnell das Thema zu etwas vollkommen Belanglosem - einem anscheinend neuen Pärchen innerhalb ihres Freundeskreises - gelenkt hatte.
Aber die Ernsthaftigkeit in ihrer Stimme und die Verletztheit in ihrem Blick hatte ich nach wie vor nicht aus meinen Gedanken verdängen können. Die Art und Weise, wie Penelope über ihren Platz im Rat und auch über mich geredet hatte, war mir von ihr vollkommen fremd erschienen. Zwar hatte ich mich nie sonderlich häufig mit ihr unterhalten, allerdings war sie mir stets wie das freundliche Mädchen von nebenan vorgekommen und nicht wie eine junge, ehrgeizige Frau, die anscheinend alles dafür tun würde, um ihre Stellung zu behalten. Die Sorge, die sich während des Gespräches auf ihrem Gesicht bemerkbar gemacht hatte, war nicht zu übersehen gewesen.
Aber wieso eigentlich? Wieso war Penelope auf diese Stellung so versessen? Natürlich, man gab ungerne eine Ehrenposition für eine andere Person auf, die technisch gesehen sich noch weit unter seinem eigenen Niveau befand, aber das war nicht alles. Da war weit mehr als einfach nur Penelopes Ehrgeiz, ihre Position rein wegen der Anerkennung, die sie somit abbekam, beizubehalten.
Ich kniff meine Augen schlagartig zusammen, als mir ein wenig Shampoo in die Augen lief und diese augenblicklich zu brennen begannen. Leise fluchte ich vor mich hin und rieb mir hektisch über die Augenlider.
Ich wusste so gut wie nichts über Penelope. Ich meine, ich wusste nur all das, was auch die anderen über sie wussten, die sie nicht näher kannten, sie allerdings bereits das eine oder andere Mal persönlich erlebt hatten. Sie war ein freundlicher Mensch, der stets gute Laune hatte, gerne und oft lachte und so gut wie jeder Person, die Hilfe benötigte, diese auch anbot. Mehr oder minder das komplette Gegenteil zu Logan, ihrem Exfreund, der mich an manchen Tagen - mal mehr, mal weniger - an den Grinch aus dem gleichnamigen Weihnachtsklassiker erinnerte. Zumindest starrte der genauso finster durch die Gegend wie Logan es ab und an tat. Und er und Penelope sollten ein Paar gewesen sein...
Mit ein paar schnellen Handbewegungen wusch ich mir die letzten Reste des Shampoos aus meinen Haaren und drehte anschließend das Wasser ab. Einige Tropfen perlten von meiner Haut ab und versickerten in der Duschvorlage, als ich aus der Dusche trat und nach meinem Handtuch griff.
Es war irgendwie seltsam, mir die beiden Händchen haltend miteinander vorzustellen. Und auf der anderen Seite wiederum irgendwie auch nicht. Auch wenn ich die beiden als Paar nicht mehr erlebt hatten, einander Zuneigung zu zeigen schienen sie nach wie vor und wenn man von Logans Stimmungsschwankungen absah, so hatten die beiden zumindest rein optisch vermutlich ein einfach nur perfektes Paar abgegeben, das man nur beneiden konnte.
Schweigend begann ich mir meine Haare zu bürsten, betrachtete dabei meinen im vom Wasserdampf beschlagenen Spiegel verschwommenen Körper. Ich hatte mich in den vergangenen Monaten rein optisch wirklich verändert. Nicht nur, dass mein Teint nun um einige Nuancen dunkler geworden war als zuvor, auch meine Arme und Beine hatten eine Veränderung durchgemacht. Sie wirkten durchtrainierter, mit Muskeln bespannt, die ich zuvor eindeutig nicht gehabt hatte. Meine Haare schienen durch die ständige Sonne ausgebleicht, die blonden Strähnen waren stärker in den Vordergrund gerückt als je zuvor. So einen Effekt hatte ich selbst vorletzten Sommer - trotz täglicher, ergiebiger Sonnenbäder in Vics Garten - nicht erreicht. Sorgfältig zog ich mit dem Kamm, den Chloe mir geliehen hatte, einen Mittelscheitel, dann schlüpfte ich in die bequeme Hose und das weiche Oberteil, das ich mir rausgesucht hatte und zog zum Schluss eine hellblaue Fleecejacke über meine Arme.
Fertig angezogen begab ich mich die Treppe hinab zurück in die Küche, gerade noch rechtzeitig für meine Kekse, die bereits fast fertig gebacken hinter der getönten Sichtscheibe des Ofens auf mich warteten.
Mit einer trägen Bewegung ließ ich mich vor besagter Sichtscheibe vor den Ofen fallen und sah ihnen dabei zu, wie sie in der Hitze des quadratischen Metallkastens vor mir vor sich hin brutzelten, ehe die Küchenuhr zu piepen begann und ich das Blech endlich von der Schiene holen konnte.
Zufrieden vor mich hin lächelnd stellte ich das Tablett direkt an das einen Spalt breit geöffnete Fenster, damit es besser abkühlen konnte, ehe ich den Herd ausschaltete und mich dann mit einem Teller bereits einigermaßen erkalteter Kekse in das Wohnzimmer verzog, um zu gucken, was derweil im Fernsehen lief.
Nichts wirklich spannendes. Diese Feststellung machte ich schnell. Ich zappte durch zahlreiche Kanäle hindurch, die mir allerlei Telenovelas und Reality-Shows anboten, ehe ich an einer Tierdokumentation über die Lebenswelt unter Wasser hängen blieb und diese vorerst einmal laufen lies. Wieso auch nicht? Früher, als ich klein gewesen war, hatte ich diese Dokumentationen schließlich geliebt und mit Mum zusammen jeden Freitagabend eine andere geguckt.