Nothing I've ever known

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Es war komisch.

Wirklich.

Es war bereits der zweite Tag, an dem ich wieder arbeitete, aber irgendetwas hatte sich hier in diesem Krankenhaus grundsätzlich verändert.

Oder hatte ich mich verändert?

Ja, es musste an mir liegen. Den Hass und den Groll, den ich sonst immer gegen diese unbekannte Macht, diese Legenden der kalten Steinwesen, gehegt hatte... sie war verschwunden. Ebenso die Angst die ich in der Nähe von Carlisle empfunden hatte. Oder war es gar keine Angst gewesen? Vielleicht war es ein anderer Sinn gewesen, der durch seine Präsenz angesprochen wurde. Etwas ganz anderes, dem ich mir noch nicht bewusst war. Ich müsste es noch herausfinden.

Mir fiel sogar auf, dass sein Duft sich jedes Mal veränderte. Hatte er frisch gegessen, dann roch er zwar nach Reh, aber war es nur eine Nuance. Je länger es her war, desto süßlicher wurde sein Duft. Wieso mir so etwas auffiel, oder ich mir so etwas bewusst machte? Ich wusste es nicht wirklich. Nur irgendetwas in mir wollte, dass ich ihm nahe bin. Es war nur ein Bedürfnis in mir, gegen das ich mich nicht wehren konnte.

Doch jetzt, wo wir beide gemeinsam draußen auf der Bank saßen und in den Wald blickten, wurde mir klar, dass ich nichts negatives ihm gegenüber empfand, es war sogar eher das Gegenteil. Ich genoss es dort zu sein, wo er war. In seiner Nähe. Es gab mir ein gutes Gefühl. Ich war zufrieden und ausgeglichen bei ihm. Als wäre ich eine ganz andere Person, wenn ich bei ihm war.

Aber auch ihm schien es ähnlich zu gehen. Nicht nur wegen der Bemerkungen, die er über mein Fehlen geäußert hatte. Irgendwie schien auch er von mir angezogen zu werden, als wäre da ein magisches Band, welches und immer näher zu einander zog. Wie zwei Planeten, die ihre eigene Umlaufbahn hatten und einander brauchen, um nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen. Ja, irgendwie brauchte ich ihn. Mehr vielleicht sogar, als ich es mir eingestehen wollte.

„Und dadurch bist du abgehauen?" Er hielt seine Alibibrottüte in der Hand. Sein Alibibrot war bereits zum Teil in meinem Magen. Ich nickte mit meinem Kopf, da mein Mund zu voll zum Antworten war. Es war erstaunlich, dass sogar das Essen diesen süßlichen Duft aufgenommen hatte. Doch es war ganz und gar nicht unangenehm. Doch blickte ich beim Kauen weiter in den Wald hinein. Wenn ich daran dachte, wie sehr ich bei diesem Marsch gelitten hatte, wurde mir schlecht. Es war der blanke Horror gewesen, aber dennoch hatte ich es bis zum Ende durchgezogen. Aufgeben gab es bei mir nicht.

„Angst lässt einen Menschen verrückte Dinge tun." Antwortete ich ihm, als ich den Bissen runter geschluckt hatte. Je nach Facette der Angst kann das sogar schlimmer werden. Wenn man Angst vor etwas hat, Angst davor jemanden zu verletzten, Angst davor jemanden zu verlieren...

Ich blickte ihm in seine goldgelben Augen. Sie waren heute ein bisschen dunkler als gestern, dennoch wirkten sie falsch in dem Gesicht eines Menschen. Sie waren zu perfekt für einen. Naja gut, ein Mensch war Carlisle nicht. Dass er einer gewesen ist, muss wohl lange her gewesen sein. Vielleicht auch Jahrhunderte. Doch da war etwas an ihm, das mich wünschen ließ, dass ich ihn auch nie verlieren würde.

Innerhalb der ersten Arbeitswoche schien es, als würden Carlisle und ich uns schon ewig kennen. Ob es jetzt daran lag, dass wir beide keine richtigen Menschen waren, oder weil wir uns einfach nur gut verstanden... Wir waren irgendwie miteinander verbunden. Diese Grenze, die eigentlich zwischen Werwölfen und Vampiren vorherrschte schien es bei uns nicht wirklich zu geben.

Ich wusste es nicht.

Doch irgendwie schien es einigen der Schwestern nicht zu gefallen. Das Getuschel hinter meinem Rücken. Sahen sie mich doch ernsthaft als Konkurrenz? Vor allem war ich Minderjährig. Dabei wussten sie doch alle, dass ich mit Paul zusammen war und sogar verlobt war. Was mich nur umso mehr amüsierte. Sie dachten wirklich allen Ernstes, wegen mir hätten sie keine Chance. Sie lagen alle falsch. Wieso sollte Carlisle, sollte er überhaupt Interesse daran haben eine Beziehung einzugehen, so etwas mit mir eingehen? Wie gesagt. Verlobt und Minderjährig.

          

Der Parkplatz war wie gewohnt leer, als ich mit Carlisle in die frische Nacht trat. Die Wolken verhingen die Sterne. Es hatte bereits zu schneien begonnen, weswegen das beleuchtete Krankenhaus noch schöner aussah. Die kleinen Flocken fielen seicht auf den kalten Boden zwischen uns. Fast so, als wäre morgen Weihnachten.

„Sehen wir uns dann morgen?" Fragte ich ihn, als wir von unseren beiden Wagen standen. Er hatte zwar einen neuen schwarzen Mercedes S55 AMG, der wundervoll blitzte und blinkte... doch sah meiner aus, als würde er seinen Wagen überrollen können. Auch wenn meiner nicht neu war. Also ging der Punkt an mich.

„Morgen?" Fragte er mich verwirrt. Ihm war wahrscheinlich klar, dass wir beide morgen hier keine Schicht hatten. „Ja. Morgen beim Stadtfest." Ich lächelte dem verwirrten Arzt entgegen. Er sah zu mir. Seine Augenbrauen waren zusammen gezogen, scheinbar dachte er darüber nach. „Oh stimmt, dass hatte ich total vergessen..." „Also kommst du, oder nicht?" Fragte ich ihn. „Ich weiß nicht, ob das so eine kluge Idee ist." Sagte er und blickte überlegend zu seinem Auto.

„Warum denn? Ach das wird schön. Da gibt es schöne kleine Dinge. Man kann schon mal Weihnachtsgeschenke holen. Und morgen soll es noch einmal schneien. Mit schönen dicken Flocken. Das wird wundervoll aussehen. Alles ist weihnachtlich geschmückt. Glaub mir, es wird dir gefallen." Erst jetzt sah er erneut zu mir. „Mal schauen." Mit dieser Antwort konnte ich leben. Es war noch immer besser als ein ‚Nein'. Ich öffnete die Kofferraumklappe meines SUV und legte meine Tasche hinein.

„Okay. Aber falls du es nicht wissen solltest, bei dem Ball musst du deinen Kittel ausziehen." Zwinkerte ich ihm zu und stieg in den Wagen. Mit einem gemächlichen Blubbern sprang der Motor an. Selbst, als ich vorbei gefahren bin, sah er immer noch nachdenklich aus.

Den nächsten Tag hatte ich zum Glück frei, weswegen ich extra lange ausschlafen konnte. Gemütlich stand ich am nächsten Morgen auf und ging ins Bad. Ich müsste noch zur Schneiderin, um das Kleid ab zu holen, doch dafür hatte ich noch massig Zeit. Lieber plante ich mir mehr Zeit ein, als zu wenig zur Verfügung zu haben.

Übernacht hatte es noch einmal deutlich geschneit, weswegen nun die Schneemaschinen erneut sich ihren Weg an unserem Haus vorbei bahnten. Laut dröhnten sie in meinen Ohren, auch wenn ich wusste, dass sie in Wirklichkeit gar nicht einmal so laut waren. Doch ohne sie, hätten wir viele Probleme mit dem Rest der Welt im Kontakt zu bleiben. So wie es hier ab und zu schneien konnte, waren sie echt ein Segen.

„Kaya? Bist du wach?" Rief mein Vater aus der Küche. Schnell lief ich zu ihm. „Ja. Guten Morgen Dad." Ich gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Dein Bruder ist bereits unterwegs und holt dein Kleid ab." Kam es von ihm. „Bei dem Wetter?" Fragte ich ihn. Der Kleine nahm sich öfter mal mein Auto, doch bei Schnee machte es mir besonders Sorgen, wenn er weg war. „Er ist zu Fuß los." Beruhigte mich mein Vater.

„Paul hat übrigens angerufen, er möchte, dass du kurz vorbei kommst." Oh. Jetzt wird der Zeitplan schon etwas enger. „Dann geh ich direkt dahin." Sagte ich und blickte raus. „Hetz dich nicht, du hast genug Zeit." Sagte er und sah zu mir. „Ja, Dad." Zum Abschied bekam er noch einen Kuss ehe ich durch die Hintertür der Küche in die kalte Luft trat.

In meiner Wolfsgestalt fiel ich im Winter so gut wie gar nicht auf. Mein Fell war so dick und so weiß wie der Schnee, was mich mehr einem überdimensionalen Polarwolf aussehen ließ. Es war die perfekte Tarnung. Meine Pfoten trommelten über den Schnee und wirbelten diesen auf, während ich durch das Reservat zu meinem Freund rannte.

Zwischen den Bäumen, durch die ich hastete, konnte ich ein Auto sehen, welches schnell durch die Kurven jagte. Was mich nur noch mehr zur Schnelligkeit anspornte. Als ich im Garten von Paul und seinem Dad war, drehte ich und trabte auf die Tür zu.

The Colors of the WaterfallWo Geschichten leben. Entdecke jetzt