#19 - Meine Eltern kommen zurück und ich wehre mich gegen einen Umzug

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"Gott, ich will nicht", murmelte ich. Lou drückte meine Hand, ein Versuch mich zu beruhigen. "Wird schon." Ich schnaubte. "Unsere Eltern kommen nach drei Monaten aus Deutschland zurück. Mittlerweile wissen wir sogar, dass einer davon nicht mal unser biologisches Elternteil ist. Wie soll ich mich denn auf mein Praktikum konzentrieren?" Ich fuhr mir erneut durch meine braunen Haare und verhakte meine Finger zum gefühlten hundertsten Mal ineinander. "Mensch Rose, mach nicht so eine Hektik! Du machst mich ja ganz nervös", fuhr Chrisi mich plötzlich an. "Es sind nur unsere Eltern."
Ich schüttelte den Kopf. "Du vergisst zwei wichtige Fakten", widersprach ich. "Wir haben sie drei Monate nicht gesehen, geschweige denn was von ihnen gehört und jetzt sind sie zweiundzwanzig Tage zu früh", sagte ich und fügte Fakt Nummer 2 einen Moment später hinzu: "Außerdem, haben sie uns verdammte sechzehn Jahre belogen."
"Das stimmt", pflichtete Louis mir bei. "Hört zu, wir schaffen das. In ungefähr zehn Minuten landen sie."
Chrisi legte einen Arm um mich.
"Keine Sorge", flüsterte sie mir zu. Von Minute zu Minute wurde ich nervöser, immer mehr Strähnen drehte ich um meine Finger und immer mehr Finger verhakte ich ineinander.
Ich verpasste schon wieder einen Schultag, der zweite in drei Tagen. Super. Meine  Schwänzaktion hatte ich erfolgreich geheim gehalten. Okay, nicht ganz. Chrisi war nachsichtig gewesen und hatte mich krank gemeldet. Aber heute, heute hatten Louis und ich eine Entschuldigung.
"Sie landen jetzt." Louis Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Halleluja.
"Da hinten kommen sie." Louis zeigte auf zwei Personen, die ich unverkennbar als unsere Eltern identifizieren konnte. Unser Stiefvater hatte, wie immer eigentlich, sein Handy in der Hand und telefonierte.
Mom hatte ebenfalls ihr Handy in der Hand, sie schien jemandem zu simsen.
Was für eine Überraschung.
"Wow, das wird bestimmt lustig", sagte ich mit monotoner Stimme.
"Ihr werdet sehen, alles wird gut", meinte Chrisi.
"Wir hätten auch einfach mit dir zu Dad abhauen können", kam es von Louis.
Daraufhin fuhr unsere Schwester sich durchs Haar. "Naja, ich wohne nicht mehr bei ihm. Schon sehr lange nicht mehr."
"Warum?", fragten Louis und ich gleichzeitig.
"Erstens, mir wurden seine Beziehungen zu viel. Jede Neue wurde dämlicher, außerdem haben wir oft gestritten. Mit siebzehn bin ich weg", erzählte sie.
Ehe einer von uns weiter sprechen konnte, wurde ich in eine feste Umarmung gezogen.
"Mum, du zerquetscht sie noch", warnte Louis, in seiner Stimme schwang jedoch ein belustigter Unterton mit.
"Ja, zerquetsche lieber Lou", röchelte ich. Meine Luft ging echt langsam aus.
Endlich ließ sie von mir ab. Mum nahm mein Gesicht in ihre Hände und drückte mir einen Kuss auf die Stirn.
"Na, Spatz? Wie war die Zeit mit Chrisi?"
Während ich brav antwortete, machte Mum sich an das Zerquetschen von meinem Bruder.
Mit Charles tauschten wir lediglich ein paar gezwungene Hallos und schön, dass ihr wieder da seid Worte.
"Wir treffen uns dann zu Hause", sagte Charles. Ich mochte seine Stimme noch nie. Sie war kalt und emotionslos.
Louis und ich fuhren mit Chrisi und Mum und Charles mit ihrem Auto. Logischerweise.
Als wir im Auto saßen, platze Louis mit meinen Gedanken heraus: "Ich will nicht, dass er bei uns wohnt!"
Ich nickte zustimmend.
"Hey, nur weil ihr jetzt wisst, dass er nicht euer biologischer Vater ist, müsst ihr ihn nicht gleich hassen", ermahnte Chrisi uns.
"Ich mochte ihn ehrlich gesagt noch nie. Er war nicht so, wie ein Vater sein sollte."

"Chrisi, gehst du dann eigentlich auch wieder?", meldete ich mich erneut zu Wort. "Ja, ich muss mein Studium weiterführen und außerdem hab ich ja eine Wohnung."
"Wir mögen es aber lieber mit dir", murmelte Lou. Ich nickte bekräftigtend.
"Gebt ihnen wenigstens eine Chance. Vielleicht wird ja jetzt alles besser."
"Mom hat sich in den drei Monaten, ein einziges Mal gemeldet. Ein verdammtes Mal!", zischte ich.
Chrisi seufzte. "Sie ist auch nur ein Mensch."
"Aber von der Mutter kann man eindeutig mehr erwarten", schnaubte Louis.
"Macht einfach das Beste daraus", ermutigte uns Chrisi, doch ich hörte deutlich heraus, dass die genauso traurig war wie wir.
Damit war unser Gespräch beendet.
Louis und ich starrten aus den Fenstern und schwiegen.
Heute Abend mussten wir auch noch Lily für einen ganzen Monat verabschieden.
Hätte ich gewusst, was alles im Oktober passieren würde hätte ich Lily vermutlich daran gehindert, nach London zufliegen.
Ich schloss meine Augen und lehnte meine Stirn gegen die kühle Fensterscheibe.
Wenn wenigstens James noch da wäre.
Erst jetzt wurde mir bewusst, wie sehr ich ihn vermisste.
"Lou, ich vermisse James", flüsterte ich.
"Ich auch. Ich auch."
Innerhalb der drei Monate hatte ich ihn so unglaublich lieb gewonnen. Das wir uns jetzt, wenn überhaupt, nur noch in den Ferien sehen durften, war einfach nur gemein.

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