Kapitel 12

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Sura

Drei Wochen und vier Tage bis zur Hinrichtung

Nervös blicke ich immer wieder von meinem Laptop auf, um mitzubekommen, sobald Jeffrey zurück ist. Ich muss einfach erfahren, woher er solche brisanten Informationen bekommen hat. So etwas findet man nicht mit einer normalen Internetrecherche heraus.

Hoffentlich hat er nichts Illegales getan, schießt es mir durch den Kopf.

Mein Blick gleitet zu der großen Uhr, die über den Büroeingang hängt, aber der Zeiger hat sich keinen Millimeter weiter bewegt.

Während ich warte, wandern meine Gedanken zurück zu den Unterlagen über Jason. Was ist, wenn das wirklich alles ein riesiger Komplott ist? Wer würde mir glauben? Besonders nach meinem Fauxpas letztes Jahr.

Nachdenklich kaue ich auf meiner Unterlippe herum und trommle mit dem Kugelschreiber auf die Schreibtischplatte.

„Sura? Hallo?"

Ich schrecke hoch und rutsche fast vom Stuhl, als ich bemerke, dass meine Chefin vor mir aufgetaucht ist. Langsam wird es zur Routine, dass sie mich stets in unvorteilhaften Situationen vorfindet.

„Ähm, ja?", stottere ich und streiche meine schwarze Bluse glatt.

Sie hebt eine perfekt gezupfte Augenbraue an und sieht mich streng an. „Kommen Sie bitte mit in mein Büro. Ich würde gerne hören, wie es gestern mit Jason Strent lief."

Oh, nein, stöhne ich gedanklich, setze jedoch ein falsches Lächeln auf und nicke.

Mrs. Billings geht los und ich stehe auf, um ihr zu folgen. In Gedanken überlege ich mir bereits, was ich ihr erzählen könnte. Ich will ihr keine privaten Details von Jasons Privatleben mitteilen und schon gar nichts von den brisanten Informationen, die ich von Jeffrey bekommen habe. Wo steckt er überhaupt? Bevor ich die Tür hinter mir schließe, spähe ich noch einmal zu seinem Schreibtisch, doch nach wie vor ist nichts von ihm zu sehen.

Unschlüssig stehe ich vor Mrs. Billings Tisch und warte darauf, dass sie mir einen Stuhl anbietet. Doch stattdessen starrt sie mich grimmig an.

„Was genau ist gestern zwischen Ihnen und Jason passiert?", zischt sie und ich bin kurz irritiert.

„Wie bitte?", frage ich und habe keine Ahnung was sie meinen könnte. Hat sie etwa erfahren, dass Jason und ich uns angegangen sind und er mich nie wieder sprechen möchte? Aber von wem sollte sie das wissen?

Sie sieht mich noch einen Moment an, bevor sie mir mit einem Winken bedeutet, dass ich mich setzen kann.

„Nachdem Sie gestern gegangen sind, hatte Jason einen kleinen, nennen wir es mal Ausraster. Er hat sich mit einen anderen Häftling geprügelt und sich dabei verletzt", erklärt sie mir in nüchternen Ton und ich kralle meine Finger in den Sitz.

„Was? Wie geht es ihm?", frage ich aufgebracht.

Ihr Gesichtszug wird mit einem Mal hart. „Ich wusste es. Ihnen liegt etwas an diesem Mörder", zischt sie.

Sofort will ich ihr sagen, dass er kein Mörder ist, aber das würde ihre Mutmaßung nur noch untermauern. Ich fange mich schnell und antworte stattdessen das einzig Richtige. „Mir liegt etwas an der Story. Mehr nicht. Wenn er getötet wird, bevor ich ihm Infos entlockt habe, war alles umsonst. Das ist alles, was mich interessiert."

Die Worte fühlen sich falsch an und ich muss mich zusammenreißen, umso nicht direkt wieder zurückzunehmen.

Ihre Gesichtszüge hellen sich allerdings auf und sie scheint überzeugt zu sein. „Gut. Ich wollte nur sicher gehen, dass sie nicht die Story aus den Augen verlieren. Jason geht es soweit gut, ab morgen können Sie ihn mit Sicherheit wieder besuchen." Sie nickt mir noch einmal zu und ich stehe auf, um ihr Büro endlich zu verlassen.

ENEMIESWhere stories live. Discover now